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Stefan Volk
Skandalfilme
Cineastische Aufreger gestern und heute
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Marburg: Schüren 2010. 316 Seiten, sw. Abb.
ISBN 978-3-89472-562-4
Das Phänomen des Skandalfilms ist ein beliebtes
Kind der populistischen Filmpublizistik. Hier geht es noch darum, dass
Kino wirklich 'gefährlich’ ist, um Zensur (pro und contra),
um ethische und moralische Werte, um das Kino als bedenkliche emotionale
Maschine. Die Zeitschrift Cinema hat in den 1980er Jahren mehrere reich
bebilderte Bände zum Skandalfilm herausgebracht, beim Kölner
Taschen Verlag würde man einen solchen Band erwarten. So betrachtet
erscheint ein Buch mit dem Titel „Skandalfilme. Cineastische Aufreger
gestern und heute“ zunächst etwas suspekt, aber auch antiquiert,
denn dass Film wirklich zum ‚Aufreger’ wurde, ist länger
her (von kleinen feuilletonistischen Strohfeuern um die Islamisten-Komödie
Four Lions, 2010, von Christopher Morris einmal abgesehen). Überhaupt
sind es vor allem andere Elemente, die heute beanstandet werden: waren
es früher Nacktheit, später Gewaltdarstellungen, sind es heute
vor allem weltanschauliche Bedenken, die Filme zum Skandal werden lassen.
Und wie zuvor sind diese Bedenken stark von der jeweiligen Perspektive
geprägt, wie die Diskussion um antisemitische Tendenzen in dem türkischen
Actionfilm Kurtlar vadisi irak / Tal der Wölfe - Irak (2006) von
Serdar Akar beweisen.
Stefan Volk, Filmjournalist und –kritiker, untersucht
in seinem immerhin über dreihundert Seiten starken Band nun das Phänomen
des Skandalfilms auf eine intensiv recherchierte und weitgehend neutral
Weise, die in einer indirekten Sittengeschichte der deutschen Filmrezeption
seit 1900 mündet. Der Fokus des Buches liegt auf der deutschen Skandalrezeption
von Filmen seit der Stummfilmzeit (mit Schwerpunkt nach 1950), was angesichts
des ausufernden Themas nahe liegt. Lediglich in den Einzelfilmbetrachtungen
finden sich Anmerkungen zur internationalen Rezeption. Eine internationale
Skandalchronik würde nicht nur das Vielfache an Seiten füllen,
sondern zudem ausführliche Anmerkungen zur Perspektive der unterschiedlichen
Länder, Verfassungen und Mentalitäten erfordern. Wie es inzwischen
Konsens ist, unterscheidet er auch nicht zwischen dem Kino der BRD und
der DDR, sondern betrachtet den deutschsprachigen Raum mit Schwerpunkt
Bundesrepublik der Nachkriegszeit. Konkret widmet Volk dem klassischen
Kino ebenso große Aufmerksamkeit wie dem aktuellen, wobei nach einführenden
Kommentaren zum jeweiligen Jahrzehnt ausgewählte Filme in Einzeldarstellungen
folgenden, die mit Synopsis, kurzem analytischem Essay und Skandal- bzw.
Zensurgeschichte inklusive zeitgeschichtlichen Zitaten vorgestellt werden.
In grau unterlegten Infokästen am Rand werden biografische Einträge,
Zusatzinformationen und Web- oder DVD-Tips sinnvoll ergänzt.
Vor allem im Mittelteil des Buches finden sich umfassende
Kommentare zu allen großen Skandalen der deutschen Filmrezeption:
Von Anders als die anderen (1919) zu Tystnaden / Das Schweigen (1963),
von Die Sünderin (1951) zu Ai no corrida / Im Reich der Sinne (1976).
Da stößt man auf absonderliche Zensurpraktiken, wirre Argumente
der Zensoren und ideologisch geprägte Vorurteile der politischen
und religiösen Filmbewertung. Im Vorwort entschuldigt sich der Autor
(S. 8) für eventuelle Versäumnisse, und tatsächlich wird
man ausführliche Darstellungen einiger Filme vermissen: Liana, das
Mädchen aus dem Urwald (1956) von Eduard von Borsody, Liliana Cavanis
Konzentrationslager-Melodram Il portiere die notte / Der Nachtportier
(1973), jener inzwischen wegen § 184b StGB beschlagnahmte und vollends
tabuisierte Spielfilm mit Eva Ionesco (1977) oder Geoffrey Wrights Neonazidrama
Romper Stomper (1992). Gerade im letzten Fall, der zumindest kurz Erwähnung
findet (S. 235), wäre eine Neubewertung sehr interessant. Lateinamerikanische
oder asiatische Filme finden sich hier leider nicht (von wenigen Ausnahmen
abgesehen). Andererseits kann sich Volk selbst einer Wertung nicht entziehen,
wenn er etwa über Pier Paolo Pasolinis Salò / Die 120 Tage
von Sodom (1975) schreibt: „Man muss sich mit Pasolinis Film deshalb
schon viel Mühe geben, um ihm einen Sinn zu entringen. Andernfalls
verkümmert er zu einer bösartigen, eitlen Vernissage der Perversionen“
(S. 192). Hier schließt er ungebrochen an die Vorbehalte der zeitgenössischen
Kritik der 1970er Jahre an, die heute international einer radikalen Neubewertung
des Films gewichen sind. Volk dagegen betont, „dass Salò
auch im dritten Jahrtausend, dreißig Jahre nach seiner Weltpremiere,
noch immer für aufgeregte Debatten gut ist“ (S. 197). Das mag
sein, dennoch ist der Film vor allem in Deutschland indiziert, während
er in den Nachbarländern Großbritannien, Frankreich, Italien,
Österreich und Holland problemlos auf Heimmedien verfügbar ist.
Solche bedenklichen Formen der Zensur speziell hierzulande fordern eher
nach einem schärferen Kommentar der hiesigen Zensurpraktiken unter
dem Vorwand des Jugendschutzes als nach einem Anknüpfen an dreißig
Jahre alte Bedenken.
Stefan Volks „Cineastische Aufreger gestern und
heute“ bietet dem filmhistorisch Interessierten eine umfassende,
reich illustrierte Darstellung der bundesdeutschen (und stellenweise internationalen)
Skandal- und Zensurpraktik. Als Handbuch und Materialsammlung ist das
Buch ebenso empfehlenswert wie die dazugehörige Webseite: www.skandalfilm.net.
Dass man nicht mit allen Einschätzungen des Verfassers einverstanden
sein wird, liegt in der Natur des Themas dieses Buches, das letztlich
vor allem eines vermittelt: Das Bild einer zeitgenössischen Mentalität
und Moralität, die sich jederzeit wandeln kann.
Marcus Stiglegger
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